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Vorhaut-Special im Heuler-Magazin (Rezension: Ilja Gajdenko)



Was haben Odysseus und Stephan Meyer gemeinsam? Sie können die Freiheit fast schon schmecken, abseits des zermürbenden Alltags. Herr Meyer ist bei der Gartenarbeit, Odysseus wurde gerade ans Ufer gespült. Jetzt findet sich endlich Zeit für den Blick aus einer anderen Perspektive. Niemand stellt anstrengende Fragen.

Ich traf die beiden Autoren Martin Stegner, gebürtiger Sachse, und dessen Namensvettern Martin Badenhoop, gebürtiger Holsteiner, an einem sonnigen Mittwochnachmittag zu einem Interview in der Gelben Katze, einer gemütlichen Eckkneipe in der KTV, wo ich selbst geboren und aufgewachsen bin. Es ist mehr ein Gespräch als ein Interview, wir sprechen über Ostdeutschland, Kapitalismus und den Einfluss des Hip-Hops auf die rebellische Jugend, während ein paar kühle Blonde und Brünette uns Gesellschaft leisten. Badenhoop öffnet eine schwarze Schatulle und überreicht mir ein Exemplar ihres Buches, das ich fortan mein Eigen nennen darf. Dann stopft er sich einen Pfeifenkopf.

Wir plaudern ein wenig über die gelungene Buchvorstellung im Peter-Weiss-Haus. Rund einhundert Gesichter füllen den Saal, kurz vor Beginn werden noch Klappstühle aus dem Nebenraum geholt. Dann schäumen sphärische Klänge aus dem KORG und münden in Meeresrauschen, aus dem Off leitet eine Stimme die Lesung ein. Während der Vorstellung können sich einige Gäste das Kichern nicht verkneifen, denn die beiden Autoren setzen die Ernsthaftigkeit ihrer Themen humorvoll in Szene, zeigen passend zum gesprochenen Wort geschnittene Cartoons auf Leinwand, zeigen sogar einen selbst gedrehten Film, in dem sie mehrere Rollen spielen. Auch ein musikalischer Teil findet Platz, in dem Badenhoop kurzerhand zum Rapper avanciert und die wenigen Zeilen des Gedichtes „Freiheitsstaturen“ scheinbar bis zum Erbrechen wiederholt. Dann gesellt er sich für einen Moment ins Publikum und überlässt Stegner die Bühne. Immer wieder fällt mein Blick jedoch auf das menschengroße Renminbi-Symbol, welches mit einer Lichtinstallation im Bühnenhintergrund aufgestellt wurde. Es hat die Wirkung eines abstrakten Kruzifixes und vereint auf wundersame Weise die undurchsichtigen Bereiche von Religion und Wirtschaft, den wohl wichtigsten Themen der Jetztzeit. Am Ende der rund einstündigen Vorstellung gibt es den verdienten Applaus von den Saalgästen.

Mit gesättigtem Humor schaffen es die beiden Autoren des Buches „Die Vorhaut des Kapitals“, im Wechselspiel Brücken zu schlagen und so mentale Bindungen zwischen den Gedankensphären ihrer unterschiedlichen Protagonisten zu erzeugen. Dabei kann es schon vorkommen, dass man die eine oder andere Seite noch einmal liest, nur aus Angst, man könne die vorgezogene Pointe übersprungen haben. Dabei geht der Text weder zu zäh noch zu flüssig ab, allenfalls verliert sich ein lethargisch müder Schachtelsatz in revolutionärem Kontext. Und das scheinen die weiteren Zeilen gekonnt zu unterstreichen. In einer Zeit, in der es schwer geworden ist, klare Fehler im System zu definieren, ohne auf die Abschussliste der hiesigen Kritikerszene zu geraten, erscheint dieses Werk als gelungene Abwechslung zum Mainstream, fast wie eine wiedergefundene Rarität aus vergangenen Tagen. Denn die in sechzehn Filmstreifen kurz abgehandelten Ausschnitte aus dem Leben haben in ihrem Inhalt an Aktualität nichts verloren. Das bierselige Möpsegucken ist immer noch fester Bestandteil der Nachmittagsgestaltung im rauen Alltag von Leidensgenossen, Hausfrauen philosophieren immer noch bei Kuchen über die Endlösung der sozialen Frage. Kapitalismuskritik findet schließlich nicht nur in den Parlamenten statt, sondern ist seit jeher ein wichtiger Teil der Konversation von Jung und Alt, am Fließband wie zwischen den Hausaufgaben. Und doch stößt es einem hin und wieder säuerlich auf: Ist das eine finale Betrachtung über das Ende? Geht so unsere schnelllebige Welt den Bach runter? Das letzte Pochen eines lange verbrauchten Herzens?

Vielleicht dann doch eher ein beispielhaftes Fazit auf eine Zeit, in der sich Norm und tatsächlicher Ablauf der Dinge auf ironische Weise widersprechen; die Unzufriedenheit mit dem Großen und Ganzen, die Glückseligkeit im Detail. „Die Vorhaut des Kapitals“ drängt nicht nach Aufklärung, spart sich den Pathos. Es gibt einen Einblick in die langweilig gewordene Routine der Gegenwart, in der man sich aufreibt an der Frage, ob ein Gedicht noch ein Gedicht ist, wenn es sich nicht reimt. Und dann wird es doch noch offensichtlich politisch. Ironisch wird die Frage gestellt: „How to save Capitalism?“ Warum etwas retten, was doch in seinen Wurzeln krankt? Warum sind nur fünf Packungen Kaffee pro Einkauf erlaubt, wenn die Regale sich doch biegen und brechen? Anscheinend kursiert die innere Angst, das alles könnte bald vorbei sein. Dennoch spürt man den gewissen Optimismus in diesem Buch. Ich zitiere:

„Am Ende der Nacht ist der Tag am längsten.“

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